Zu Fuß über die Alpen: Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran

Die Mitglieder der AlpenüberquerungEtwas nervös fand ich mich am Treffpunkt beim Bahnhof von Oberstdorf ein. Werde ich die einzige Einzelreisende auf dieser Alpenüberquerung sein? Werde ich mit meinen 31 Jahren als einzige «Junge» unter Senioren wandern? Doch schnell verflog die anfängliche Unsicherheit: Die Gruppe war altersmässig bunt durchmischt, bestand aus zwei weiteren Einzelreisenden (~30 und ~40 Jahre), einem Paar um die 30, zwei Freundinnen um die 40, zwei Freunden um die 45 und einem Grossonkel-Grossneffe-Duo (~65 und 17). Einziger Exoten-Punkt: Ich, die Schweizerin. Unsere Gruppe bewährte sich bestens während der sechs Wandertage, technisch und konditionell waren wir sehr ausgeglichen und auch menschlich harmonierten wir auf der Alpenüberquerung gut.

Der Start der Alpenüberquerung und die erste Etappe

Bei etwas launischem Wetter nahmen wir die erste Etappe unter die Füsse. Wir trugen lediglich den Minirucksack der Bergschule Oberallgäu am Rücken, während das Hauptgepäck mit der Transportseilbahn zur Hütte gebracht wurde. Der Weg führte anfangs durch Wald mit sattgrüner Pflanzenwelt. Später wurde die Landschaft karger, aber weiterhin waren wunderschöne Wiesen (sogar Alpenrosen waren zu entdecken) zu bewundern, sich wölbende Schneefelder bildeten interessante Formationen. Nach ca. 2,5 Std. Ankunft auf der Kemptner Hütte. Die Sonne zeigte sich wieder und tauchte die umliegenden Gipfel in warmes Licht. In der Hütte verteilten wir uns auf 4er-Zimmer. Eisig kaltes Wasser liess einen 2x überlegen, ob man wirklich eine Dusche brauchte… Bei Spätzle und Rindsbraten genossen wir unser erstes gemeinsames Abendessen.

Die Abendsonne lässt die Gipfel rund um die Kemptner Hütte erstrahlen (Tag 1)

Die zweite Etappe der Alpenüberquerung

Unter wolkenlosem Himmel starteten wir am nächsten Tag mit geschulterten Rucksäcken mit dem Aufstieg zum Mädelejoch, das wir nach ca. einer halben Stunde erreichten. Hier verläuft die Grenze Deutschland-Österreich. Am Ende des Abstiegs durch das Höhenbachtal erwartete uns die seit Oktober 2011 bestehende neue Attraktion der Region, die mit 200 Metern längste Fussgänger-Hängebrücke Österreichs. Die Konstruktion wankelte etwas unter unseren Füssen, brachte uns aber wohlerhalten auf die andere Talseite. In Holzgau machten wir Rast im Gasthof Bären (empfehlenswerte «Gröstl»), bis uns ein Kleinbus der Firma «Feuerstein» abholte und nach Madau brachte. Hier konnten wir wieder unsere Minirucksäcke packen, die grossen kamen auf die Transportseilbahn. Die Sonne meinte es wirklich gut mit uns und heizte uns auf dem rund 2,5-stündigen Aufstieg zur Memminger Hütte gewaltig ein! Auf der Hütte nisteten wir uns in einem 12er-Matratzenlager ein, und oh Wunder, mit Ohropax schlief ich wie ein Stein und erwachte erst ab dem Rumgewusel im Zimmer in den frühen Morgenstunden.

Hängebrücke

Aufstieg Memminger Hütte

Die dritte Etappe

Eine erste Königsetappe dieser Alpenüberquerung stand gemäss Guide Andi an Tag 3 auf dem Programm. Und tatsächlich: Der Aufstieg zur Seescharte erfordert einige Kraxelei und Schwindelfreiheit, der Abstieg durchs Zammer Loch ist eine Bewährungsprobe für die Knie (1800 Höhenmeter). Wie so oft entschädigte uns aber auch hier die beeindruckende Kulisse für die Strapazen. Umgeben von neugierigen Haflingerpferden und Kühen, stärkten wir uns mittags auf einer Alm mit Käse, Speck und Kaminwurzen. Der weitere Abstieg nach Zams verlief in sengender Hitze und wir sehnten uns alle nach der wohlverdienten Dusche in der «Gemse» in Zams!

Aufstieg zur Seescharte

Die vierte Etappe der Alpenüberquerung

Die Mittwochsetappe starteten wir gemütlich mit der Auffahrt auf den Venet auf 2208 m. Während des Abstiegs (ermüdende 1200 hm) gerieten wir immer mal wieder in einen Regenschauer und als wir in Wenns den Bus erreichten, der uns nach Mittelberg bringen würde, regnete es in Strömen. Auch bei Ankunft in Mittelberg hatte sich das Wetter noch nicht gebessert. Also nichts wie in die Regenklamotten, so schnell wie möglich zur Transportseilbahn um die Rucksäcke zu laden und dann rein in die warme «Gletscherstube» zur Stärkung mit Kaiserschmarrn und Johannisbeerschorle! Es brauchte einige Überwindung, das warme Plätzchen wieder zu verlassen und bei immer noch garstigem Wetter den weiteren Weg Richtung Braunschweiger Hütte in Angriff zu nehmen. Doch nach rund 3 Std. hatten wir auch das geschafft und fanden uns in der gastlichen Hütte wieder, wo es sogar warmes Wasser gibt!

Pitztaler Jöchl

Fünfte Etappe der Bergwanderung

Der nächste Tag führte uns bei trockenem aber vorerst noch etwas bewölktem Wetter auf das 2996 m hohe Pitztaler Jöchl. Schwindelfreiheit ist auch hier von Vorteil. Ein Schneefeld machte den Abstieg spannend. Bald wurde weiter unten das Gletscherskigebiet von Sölden erkennbar, welches im Winter wohl reizvoller aussieht als im Sommer. Ein Bus brachte uns durch den Rosi-Mittermeier-Tunnel (höchstgelegener Strassentunnel Europas) zum Startpunkt des Panoramawegs Richtung Vent. Das Wetter wurde freundlich, so dass wir die Aussicht geniessen konnten und auf dem Abstieg ins Schwitzen kamen. In Vent stärkten wir uns im Gasthof «Post» mit Speis und Trank und luden unsere Rucksäcke in einen Jeep. Der Weg zur Martin-Busch-Hütte über eine nicht besonders attraktive Schotterpiste an praller Sonne kam mir länger vor als er ist (ca. 2 Std.). Auf der Hütte angekommen, genossen wir jedoch das warme Wetter in vollen Zügen! Sonnenbaden bis zum wie immer feinen Abendessen.

Panoramaweg auf dem Weg nach Vent

Martin Busch Hütte

Tag 6 der Alpenüberquerung

Tag 6: Am Abend zuvor hatten wir uns entschieden, den Weg über die Ötzifundstelle auszulassen und stattdessen die attraktivere Route über den Gletscher auf die Similaun-Hütte zu wandern. Bald knirschte das Eis unter unseren Schuhen und wir entdeckten sogar einige Knochen- und/oder Zahnreste. Vielleicht hätten wir losbuddeln sollen und wir hätten einen zweiten Ötzi geborgen. Auf der Similaun-Hütte (3019 m) lud die Sonnenterrasse zu Kuchen und Schorle ein und die Sicht hätte nicht besser sein können. Richtung Süden, unten im Tal, war bereits der Vernagter-Stausee auszumachen. Das Ziel unserer Tour! Aber noch lagen 1300 Höhenmeter dazwischen und kurz nach der Similaunhütte erforderte der felsige und steile Weg nochmals Konzentration, bevor er dann allmählich in liebliche Alpenwiesen mit friedlich weidenden Kühen mündete. Nach ca. 2,5 Std. hatten wir es schliesslich geschafft: Erschöpft, aber glücklich erreichten wir die Jausenstation «Tisenhof», wo wir die Gläser auf unsere erfolgreich verlaufene Alpenüberquerung erheben konnten!

Gletscherüberschreitung

Danke an alle Beteiligten für die tolle Woche. Ich hatte Aktiverholung fernab vom geregelten Alltag gesucht und mit der Alpenüberquerung genau das richtige Angebot gefunden.

Blick auf den Vernagter-Stausee

Tipp an Interessierte: Man sollte über eine gesunde Grundkondition und mittlere bis gute Wanderkenntnisse verfügen. Die Etappen an Tag 3 und Tag 5 sind nichts für Sonntagsspaziergänger. Die übrigen Etappen sind technisch nicht speziell anspruchsvoll, jedoch sind die Gehzeiten von jeweils 5-6 Stunden nicht zu unterschätzen. Mich ermüdeten ab Tag 3 (Zammer Loch) zunehmend die Abstiege von täglich 1000-1500 Höhenmetern.

Das Team von guiders.de bedankt sich bei Andrea für diesen schönen Blogbericht.

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